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Historie

Schreinerei übergibt historische "Taufkanne" an Bad Cannstatter Stadtmuseum

Albert Schöchle war ein echtes schwäbisches "Schlitzohr". Als er 1933 Direktor der Stuttgarter Wilhelma wurde, übernahm er einen königlichen Garten im maurischen Baustil, der weit davon entfernt war, ein Zoo zu sein. Zu Beginn fast klammheimlich kamen nach und nach immer mehr Tiere dazu - Schöchle Tatsachen geschaffen hatte: die Wilhelma ist heute der einzige zoologisch-botanischen Garten Deutschlands.

In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte es der Direktor der Wilhelma zur guten Tradition, neugeborene Großtiere wie Elefanten oder Nashörner zu taufen. Als Stammgast der Schreinerei war das entsprechende "Taufgefäß" schnell gefunden: eine Cannstatter Zinnkanne, natürlich gefüllt mit Cannstatter Zuckerle.

Bis vor kurzen stand das historische Original noch in der Schreinerei. Jetzt übergab die Wirtsfamilie Epple das Schmuckstück dem Bad Cannstatter Stadtmuseum, wo es in Ausstellungsräumen einen Ehrenplatz gefunden hat.

 

Übergabe der Cannstatter Zinnkanne, mit der der ehemalige Wilhelma-Direktor
Albert Schöchle vor über 50 Jahren regelmäßig neugeborene Großtiere getauft hat:
Schreinerei-Seniorchefin Lore Epple und Olaf W. Schulze vom Bad Cannstatter Stadtmuseum.


Bilder aus der Autobiographie von Albert Schöchle "Das Schlitzohr".

 

 

Eine Weinstube mit Tradition

Woher kommt der Name "Schreinerei"? WappenDiese Frage ist schon oft gestellt worden und die Antwort ist ganz einfach: Irgendwann in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sagte sich der Cannstatter Schreinermeister Wagner, warum soll ich es nicht so machen wie viele Bäcker oder Metzger und meiner Kundschaft so nebenher ein Viertele Wein anbieten. Ein Viertele aus dem Faß, denn Flaschenweine gab´s damals in den Wirtschaften noch nicht. Die blieben den Hotelrestaurants vorbehalten.
Also richtete Meister Wagner in der damaligen Mühlgasse 4 im ersten Stock einen "Besen" ein, in dem er eigenen Wein ausschenkte. Im Erdgeschoß wurde gesägt, gehobelt und geleimt, oben wurden Viertele geschlotzt, gevespert und über Gott und die Welt debattiert. Das war damals nicht anders als heute.


Die „Schreinerei“ war bald ein Begriff, nicht nur in Cannstatt, das sich damals noch nicht mit dem Attribut Bad schmückte, sondern im ganzen Umland, auch in der nahen Residenz, in Stuttgart, dessen Bürger sich sowieso in der Kurstadt am Neckar am wohlsten fühlten. Die Weinstube gewann noch mehr an Bedeutung, als dann 1894 die Ära Bauer begann. Der Weingärtner Karl Bauer übernahm mit seiner jungen Frau Marie, geb. Bauer, die Wirtschaft. Es wurde nun nicht mehr geschreinert, sondern nur noch gekocht und Wein ausgeschenkt. Nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes musste die junge Wirtin das Lokal alleine weiterführen und zudem ihre drei kleinen Kinder versorgen. Bewundernswert, dass das die Qualität der Weinwirtschaft nicht beeinflusst, ganz im Gegenteil, ihr Ruf steigerte sich. Sicher kam es Frau Marie zugute, dass auch sie einer alteingesessenen Cannstatter Weingärtnerfamilie entstammte. 50 Jahre wirkte sie zum Wohl Ihrer Gäste in der „Schreinerei“ als Chefin und arbeitete weiter mit, als ihr Sohn Rudolf mit seiner Frau Berta die Verantwortung übernahm. Auch Rudolf Bauer war natürlich Weingärtner und seine Berta – für viele als „d´ Frau Bauer von der Schreinerei“ heute noch in guter Erinnerung – machte die besten Rostbraten weit und breit. Bis in den Krieg hinein und nach dem Krieg wieder. Aber der brachte eben auch für die „Schreinerei“ und deren Wirtsfamilie harte und schreckliche Zeiten. 1944 wurde das Haus ein Raub der Flammen, nach einem alliierten Fliegerangriff auf Stuttgart und Bad Cannstatt. Die Geschichte der gemütlichen Weinstube war nun für längere Zeit unterbrochen. Erst nach dem Krieg, 1945, als wieder Hoffnung aufkam, begannen Rudolf und Berta Bauer die Trümmer zu beseitigen und ihre „Schreinerei“, wenn auch provisorisch, mit einem einstöckigen Aufbau, mit Leben zu erfüllen. Die alten Gäste kamen wieder und viele neue gesellten sich zu ihnen. Man ging wieder in die „Schreinerei“, nachmittags um fünf Uhr war oft schon kein einziges Plätzle mehr frei. Ruhig und gelassen regiert Frau Bauer in der Küche, ruhig und gelassen, echt schwäbisch, begrüßte sie Ihre Gäste, ruhig und gelassen setzt sich Rudolf Bauer zu ihnen, wenn er nicht gerade im Weinberg, in der Kelter oder im Keller zutun hatte. Sein eigener Wein, den er hegte und pflegte, war wie ein Heiligtum für ihn.

 

Die Bauers hinterließen eine Tochter, die Lore, die fleißig in der Weinstube mitgeholfen hat, solange diese von ihren Eltern geführt wurde. Sie war dabei, wenn die Narrenzunft der Kübler aufkreuzte oder wenn der unvergessliche Stuttgart Oberbürgermeister Arnuf Klett zu den Sitzungen im „kleinen Rathaus“ kam. Bis zum Tod von Mutter Bauer 1971, fanden diese nämlich zur Fasnetszeit in der „Schreinerei“ statt.

In der „Schreinerei“ fand so viel statt, ganze Vierteleslegenden ranken sich um sie. Sie hat dann auch mehrere Pächter gefunden, bis ihr Gastbetrieb 1992 unterbrochen wurde, denn jetzt sollte es auf ein Neues gehen. Der nach dem Krieg provisorisch errichtete Bau wies Altersschwächen auf, Lore Bauer, längst Frau des Bad Cannstatter Bauingenieurs Karl Epple, entschloss sich zu einer Renovierung. Nach neunmonatiger Bauzeit wurde die Weinstube wieder eröffnet. Inzwischen haben die Kinder von Lore Epple geb. Bauer das Wirtszepter in 4. Generation übernommen und pflegen die Tradition wie eh und je.


Herr Haufler, OB Klett, Berta und Rudolf Bauer


Stammtisch Januar 2016